Dienstag, 23. Juli 2002
Tag 7: Wandertag am Ortigara
Rif. Alpino Marcesina - Ortigara - Rif. Larici - Albergo Monte Rovere

Start: 9:40 Uhr - Stop: 19:00 Uhr - Kilometer: 55 km - Höhenmeter: +1400 hm / -1500 hm - Schnitt: 9,9 km/h - Fahrzeit: 5½ h
Heute steht endlich mal etwas Ruhe auf dem Programm. Zumindest die Höhenmeter legen das nahe.
Da wir schon mal am Ortigara sind, haben wir spontan entschieden, etwas Sightseeing zu betreiben
und das Gipfelplateau ausgiebig zu erkunden. Dort haben im ersten Weltkrieg
unvorstellbare Kämpfe stattgefunden und es gibt es sicher einiges zu sehen.
Auch die Nordflanke Richtung Val Sugana muss interessant sein, denn
dort bricht der Berg fast 2000 m steil nach unten ab. Die Übernachtung wäre dann in der
Rifugio Larici. Vorher sind natürlich noch ein paar Meter zu
strampeln. Macht nichts, das Wetter ist gut und ein ruhiger Tag steht bevor. Einen Supermarkt zum
Einkaufen einiger neuer Vorräte gibt es in dieser Einsamkeit zwar keinen,
aber auf halber Strecke liegt eine Malga, bei der wir essen wollen. Also los.
Auf einem ziemlich flachen Weg, auf dem immer wieder Autos nerven,
fahren wir hinauf bis zur Malga Molina (1754 m).
Wir sind noch nicht lange unterwegs, haben aber vor, bereits hier zu
Mittag zu essen und die Trinkflaschen aufzufüllen. Auf dem gesamten
Hochplateau gibt es keine weitere Einkehrmöglichkeit, geschweige denn
einen Laden. Da wir offenbar das Glück bei unseren langen
Etappen der vergangenen Tage längst abgehängt haben, ist die Malga natürlich geschlossen.
Keine Ahnung, ob wir einfach zu früh sind oder was hier los ist.
Immerhin ist es fast 12 Uhr.
Wir warten eine halbe Stunde und brechen unverichteter Dinge wieder auf. Nicht einmal Wasser
gibt es für uns.
Einziger Hoffnungsschimmer ist eine weitere Hütte, die Rif. g. Checchin
(1900 m) ganz in der Nähe. Laut Kompasskarte führt zwar kein direkter Weg dort hinauf,
es gibt aber trotzdem einen. Schiebenderweise erreichen
wir eine kleine Kapelle mit Gruft, direkt dahinter muss die Rifugio sein. Da ist auch etwas,
aber eine Rifugio ist das schon lange nicht mehr. Ein kleines verfallenes Hüttchen, eher ein Bretterverschlag,
raubt uns unsere letzte Hoffnung auf etwas Nahrhaftes zwischen den Zähnen. Oha,
der Tag kann noch witzig werden. Im Rucksack ist
überhaupt nichts mehr, kein Powerbar, kein gar Nichts, und nach Wasser sieht es hier auch nicht aus.
Die Landschaft ist brottrocken und geprägt von vielen Büschen.
Wir beratschlagen, was zu tun ist. Zurück zum Hauptweg und so schnell wie möglich weiter?
Die nächste Station wäre die Rifugio Larici, bis dahin ist es weit. Das kann es nicht sein.
Wir sind wahrscheinlich nur einmal in unserem Leben hier oben, nun müssen wir uns wenigstens die Gegend ansehen.
Der Ortigara (2105 m) Gipfel ist ja schon zum Greifen
nah und es kommen kaum noch Höhenmeter. Auf dem verblockten
Weg kann man ohnehin nur Schieben, das spart Kraft. Also wagen wir es, ohne Verpflegung weiter zu gehen.
Einige Wanderer gucken uns ungläubig an, an Biken ist hier nämlich wirklich nicht zu denken.
Besonders die letzten Meter sind super heftig, mit den Rädern müssen wir die Felsen hochklettern.
Nach einer halben Stunde ist es geschafft. Wir stehen auf dem kahlen Bergrücken, neben uns ein Mahnmal,
und um uns herum Gräben und unterirdische Gänge. Der ganze Berg ist durchpflügt.
Es ist schwer zu begreifen, was hier mal losgewesen ist.
Wir laufen vor an die Abbruchkante zum Val Sugana und blicken 2000 m in die Tiefe. Wahnsinn,
so eine Sicht hatte ich bisher nur im Flugzeug. Die Wanderung hat sich echt gelohnt. Wir verbringen
ziemlich viel Zeit auf dem Gipfel und merken gar nicht,
dass wir seit Stunden nichts gegessen haben. Es ist noch zu ertragen und
bis wir wieder fahrbaren Untergrund erreichen,
steht uns ein weiterer Fußmarsch bevor, das ist zum Glück nicht
so Kräfte zehrend. Bei der Wanderung entdecken wir einen Wegweiser
zu einer Quelle, bei der wir mit viel Geduld unsere Flaschen
vollmachen können. Das war glücklich, denn es gibt praktisch in der ganzen Gegend
kein Wasser. Kurz danach können wir wieder fahren und gelangen über eine fürchterliche
Rüttelpiste zum Bivio Italia und zum Erzherzog Eugen Denkmal.
Die Landschaft ist immer noch kahl, aber irgendwie interessant.
Wir dachten zwar, dass wir uns bis zur Rifugio Larici (1658 m) nur noch rollen lassen brauchen, doch
wir müssen uns noch einen kurzen Anstieg hochquälen. Eigentlich nix Wildes,
aber zur Erinnerung: es ist später Nachmittag und wir haben seit dem Frühstück nichts mehr
gegessen. Eine Quelle verschafft noch einmal kurzzeitig eine Erfrischung, bevor es wirklich nur noch hinunter
geht. An der Rifugio herrscht tote Hose,
mit Gästen hat offenbar niemand gerechnet. Wir versuchen einem jüngerern Typen klarzumachen,
dass wir essen und übernachten wollen. Nicht ganz einfach, er versteht nämlich weder deutsch
noch englisch. Zudem scheint er absolut keinen Plan zu haben. Er versucht uns auf die Essenszeiten
hinzuweisen und zeigt uns einen Zettel mit den Öffnungszeiten irgendeines Stadions. Total Banane.
Mir wird das zu blöd, hier will ich nicht bleiben. Eine harte Entscheidung, denn die nächste
mögliche Unterkunft ist die Albergo Monte Rovere (1255 m). Das hat
gleich zwei Nachteile: wir müssen noch ein ganzes Stück fahren und wir müssen
den Piz Levico auslassen, zu dem ich morgen sehr gerne einen Abstecher gemacht hätte, um
das Fort dort oben und die 1500 m senkrecht abfallende Bergflanke Richtung
Val Sugana sehen zu können. Ohne Anzuhalten düsen wir am Fort Busa Verle vorbei zum
Passo di Vezzana (1404 m). Mangels Kraft legen wir die letzten Meter zur
Albergo Monte Rovere (1255 m) über die Passstraße zurück. Als ich vor zwei Jahren an dieser
Albergo vorbeigekommen bin, machte sie keinen sehr einladenden Eindruck, aber das ist jetzt egal.
Elmar hat hier letztes Jahr auch übernachtet und fand es in Ordnung. Nur der Preis ist
astronomisch, aber wer keine Wahl hat ...
Damit ist auch auch die heutige Etappe keineswegs früh zu Ende gegangen und - ein absolutes Novum für uns beide - wir haben den ganzen Tag nichts gegessen. An einem normalen Tag das Todesurteil, heute wegen der ausgedehnten Schiebestücke gerade so durchzuhalten. Dass es noch schlimmer kommen konnte als gestern, hat keiner gedacht. Aber nun ist alles wieder gut. Ziemlich alleine sitzen wir in der Albergo und trinken unseren Vino di Casa.







